
Leo Putz gehört zu den Künstlern, mit denen ich zu Hause groß geworden bin. Seine Werke hatten schon immer ihren festen Platz im Programm der Galerie meiner Eltern. Besonders offenbart sich mir die außerordentliche Qualität seiner Arbei- ten in dem großformatigen Damenporträt der „Cara Sophia Köhler née Goldammer“ von 1911. Cara Sophia war eine wichtige Muse des Künstlers, die aus einer preußischen Adels- familie stammte. Ihr Vater war mit Reichskanzler Otto von Bismarck befreundet und frönte der Jagd im Sachsenwald, einem Wald vor den Toren Hamburgs. Das Gemälde stammt aus dem Nachlass der Enkelin der Porträtierten. Der kleine Fußschemel auf dem Gemälde ist noch heute im Besitz des Künstlersohnes Dr. Helmut Putz und seiner Frau. Das erste Gemälde in einer Kette von herausragenden Wer- ken von musealer Qualität verkauften wir in unserer Galerie im Sommer 1993. Dieses Gemälde war durch den Künstler mit „Am Ufer“ betitelt und zeigte ein entsprechendes Motiv. Eine Variation dieses Themas wurde 1915 in San Francisco bei der Internationalen Panama-Pacific-Ausstellung mit der Goldme- daille prämiert. Auf der Suche nach einer „Neuentdeckung“ erschien Dr. Helmuth Putz, der das Œuvre seines Vaters inventarisierte und dazu ein Werkverzeichnis erstellte, regelmäßig zur Recher- che in unserer Galerie in Gilching. Leo Putz jun., Enkel des Malers, war stets mit dabei und für die Fotografie der Werke zuständig. 1994 wurde das Verzeichnis veröffentlicht. Seither haben wir immer einen guten Kontakt zur Familie Putz gehal- ten und unterstützen Leo Putz jun. auch weiterhin bei der Erstellung des Ergänzungsbandes zum Werkverzeichnis. Pa- rallel dazu hat sich im Laufe der Jahre die Stellung der Galerie als Sachverständiger für das Werk von Leo Putz gefestigt. Leo Putz wurde am 18. Juni 1869 in Meran geboren. 1886 ging er entgegen dem väterlichen Willen nach München, um bei dessen Stiefbruder Prof. Robert Poetzelberger an der Aka- demie der Bildenden Künste Zeichenunterricht zu nehmen. Für ein Jahr unterbrach er seine Münchner Studien, um in Paris an der privaten Kunstschule Académie Julian zu lernen. Er kehr- te nach München zurück und wurde 1893 Schüler von Paul Höcker. 1901 trat Leo Putz der Münchner Künstlergruppe „Scholle“ bei, die 1899 von Höcker-Schülern gegründet wor- den war und sich dadurch auszeichnete, dass sie den Individu- alismus der Künstler förderte. 1909 bis 1914 entstanden die bedeutendsten Werke von Leo Putz, die vorwiegend weibliche Akte in freier Natur zeigen, es ist die sogenannte Hartmanns- berger Zeit. Inspiriert durch eine Ausstellung von Paul Gauguin entschloss sich Putz 1928, für fünf Jahre mit seiner Familie nach Brasilien auszuwandern. Neben seiner freien künstlerischen Arbeit lehrte Leo Putz dort als außerordentlicher Professor an der Escola Nacional de Bellas Artes in Rio de Janeiro. 1935, zwei Jahre nach seiner Rückkehr nach München, stellte der Münchner Kunstverein Putz’ Südamerika-Gemälde aus. Darauf- hin wurde er mit Ausstellungsverbot belegt, da er sich der Gleichschaltung des Kulturbetriebs nicht beugte. Um seinen Beruf weiter ausüben zu können, kehrte Leo Putz 1936 ins hei- matliche Meran zurück, wo er am 21. Juli 1940 verstarb. Seine Gemälde befinden sich in zahlreichen internationalen und nationalen Museen und Sammlungen. Schon 1904 erwarb die Neue Pinakothek das Gemälde „Picknick“ zu einem statt- lichen Preis. Die erste Monographie dieses bedeutenden Künst- lers erschien bereits 1908/09. Verantwortlich hierfür zeichneten Wilhelm Michel, der Mäzen und Kunsthändler Josef Brakl sowie Georg Bierbaum. „Der ausdrucksstarke Pinselstrich in den Arbeiten von Leo Putz übt auf mich eine besondere Faszination aus.“ Christian Schüller 35